Über systemrelevante Berufe in Corona-Zeiten und Arbeitslosigkeit

 

Systemrelevanz – kennenlernen durfte das breite Publikum dieses Wort erstmals in den Jahren der Finanzkrise. Damals bezog sich die Zuschreibung dieses Attributes auf die großen und entscheidenden Banken, die bei ihren Spekulationsgeschäften in Schieflage geschlittert waren, deren Insolvenz das Bankensystem als Ganzes und damit die Grundfesten der Marktwirtschaft bedroht hätte, weshalb sich die Staaten genötigt sahen, zu intervenieren und diesen Zusammenbruch zu verhindern, koste es was es wolle.

 

Plötzlich im Jahr 2020 taucht im Zeichen der Coronakrise dasselbe Attribut der Wichtigkeit, derselbe Terminus „systemrelevant“ wieder auf. Auf einmal bekamen die vielen sogenannten „kleinen Leute, die in der Sondersituation der Pandemie und des staatlich verfügten Shutdown als unentbehrliche Dienstkräfte entdeckt wurden: Supermarktkassiererinnen, Regaleinschlichter, das Pflege- und Krankenhauspersonal, Postboten und schließlich sogar Polizisten wie einen Orden das Etikett „systemrelevant“ angeheftet, als wäre das das denkbar größte Kompliment. Sie bekamen Applaus vom in Quarantäne verbannten Publikum. Von Politik und Öffentlichkeit wurden sie als „Heldinnen der Arbeit“ gefeiert. Ein Anfall von Dankbarkeit ging quer durch die von Infektionsgefahr und staatlicher Seuchenbekämpfung irritierte Gesellschaft. Von Dauer war der nicht. Warum, darum geht es

 

in unserem ersten Beitrag mit dem Titel Systemrelevant – ein Wort, zwei Bedeutungen - oder „Warum der Ruf nach pekuniärer Besserstellung der Beschäftigten „systemrelevanter“ Berufe ergebnislos verhallt.

 

Seit Ausbruch der Corona-Pandemie und der in weiterer Folge staatlich verordneten Einschränkung von Geschäftstätigkeiten sind infolge der damit einhergehenden Umsatz- und Gewinneinbußen massenweise Arbeitsplätze verlorengegangen bzw. drohen, mit Auslaufen der staatlichen Ausgleichsmaßnahmen in noch viel größerem Umfang weitere verloren zu gehen. Wirtschaftskrise lautet der Befund und wird einem in allen Medien als Grund der hohen Arbeitslosigkeit mitgeteilt. Dass diese Erklärung der Arbeitslosigkeit nichts taugt, könnte man spätestens daran merken, wenn man sich kurz zurückerinnert.

 

Bis vor kurzem hat Industrie 4.0 als großer Jobkiller die öffentliche Debatte bestimmt. Die Digitalisierung vernichte 3,4 Millionen Jobs in Deutschland meldete z.B. die FAZ im Februar 2018. Wenn Digitalisierung mit etwas nichts zu tun hat, dann mit einem Krisenbefund über die Wirtschaft. Es sind doch gerade die großen und erfolgreichen, weltweit tätigen Konzerne, die in der Digitalisierung das Mittel ihres Erfolges sehen und die entsprechenden Entwicklungen mit aller Macht vorantreiben. In diesem Fall muss die Aussage also lauten, nicht Misserfolg, sondern Erfolg der Wirtschaft führt zu Arbeitslosigkeit.

 

Was nun? fragt man sich. Gibt es Arbeitslosigkeit wegen des Erfolgs oder wegen des Misserfolgs der Wirtschaft? Dass Arbeitslosigkeit weder Folge eines Virus noch der Digitalisierung ist, sondern notwendiger Bestandteil der Art und Weise, wie in der Marktwirtschaft gerechnet wird und die soziale Gemeinheit dieses Systems nicht darin besteht, dass Leute, die eine Arbeit brauchen, oft keine finden, sondern darin, dass sie Arbeit brauchen -darum geht es

in unserem zweiten Beitrag mit dem Titel „Was man über eine Gesellschaft lernen kann, wenn Arbeitslosigkeit in ihr ein Problem ist